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Kulturindustrie als Klassenkampf: Degenhardt erklärt die feinen Unterschiede

Ein recht eigener Artikel in Sachen "Popkulturanalyse" ist j?ngst in der Jungen Welt vom 26.1.2006 erschienen, verfasst von Kai Degenhardt. Nachzulesen hier:
http://www.jungewelt.de/2006/01-28/043.php
In dem Artikel "Geschmackssache Pop" versucht der Sohn von Franz-Josef Degenhardt (dem ex-DKP-Haudegen mit Gitarre) die Studie "die feinen Unterschiede" Bourdieus von 1979 auf die heutigen Verh?ltnisse zu ?bertragen.

Ich wei? nicht, ob zur Zeit allergisch auf das Wort "Klassenkampf" reagiere ? oder der Artikel in einigen Stellen wirklich unter aller Kanone ist. Einige Passagen des Textes machen Sinn.Uns?glich dagegen, was Degenhardt zu beweisen versucht, dass Popmusik Klassenkampf sei.

Schon die Begrenzung des Topos ist haarstr?ubend: Die U-Musik Rock- und Popmusik (Klassik, Jazz, Schlager klammert der Autor bewu?t aus, das ist schon zweifelhaft) werden von Degenhardt bis 1989(!) definiert im Kontrast zu E-Musik als der "...ehrliche und authentische musikalische Ausdruck, der von der Stra?e kommt, vom Leben erz?hlt ...". Hier geht der Autor zum einem Popmythos auf den Leim: Popmusik behauptet ja unentwegt authentisch, "real" und "echt" zu sein, so sinnentleert diese Begriffe auch sind.
Doch dann kam es laut Degenhardt zur "weltweiten politischen Niederlage der Linken in den Jahren weltweiten politischen Niederlage der Linken in den Jahren 1989 ff. und dem ? im ?brigen schon vorher eingesetzt habenden ? Verlust dessen, was man einmal die ?linke kulturelle Hegemonie? nannte."
Tut mir leid, wer von einer "weltweiten politischen Linken" vor 1989 redet, mit dem m?chte ich ehrlich gesagt nichts zu tun haben. Davor war nach dieser Lesart die Welt noch in Ordnung: die Mauer stand noch, die kapitalistischen Kleinb?rger spielten ihr Spiel des Habitus, und Linke in Ost und West h?rte noch ehrliche, solidarische Musik der Arbeiterklasse.

Doch noch einiges mehr ist an dem Artikel obskur. Der Hauptteil hat scheinbar nichts mit Einleitung und Fazit zu tun. Die anfangs aufgestellten Thesen werden jedenfalls nicht belegt, stattdessen werden recht breit die Grundz?ge Bourdieus Theorie vorgestellt: die drei Kapitalsorten (kulturell, sozial, ?konomisch) und der daraus resultierende Habitus. Dagegen ist ja nichts einzuwenden, nur tr?gt es eben nichts zum Beweis der G?ltigkeit der Ausgangsthese bei: Dabei hat sich der Streit um die richtige Pop-Platte in der entwickelten sp?tkapitalistischen Gesellschaft l?ngst zu einer der Praxisformen gemausert, innerhalb der die Akteure ihre unterschiedlichen Geschmackspr?ferenzen wie Waffen gegeneinander in Stellung bringen, um sich voneinander abzugrenzen und gegenseitig in Schach zu halten.
An keiner Stelle bringt Degenhardt Belege, wie denn die Mittel- und Oberschichten "die einfachen Leute" manipulieren. Zumal er sich offen widerspricht. Angef?hrt wird von ihm beispielsweise, dass E-Musik und anspruchsvoller Pop im regul?ren Programm des Deutschlandfunk ziemlich wahllos gesendet werden. Statt daraus das offensichtliche zu folgern, n?mlich eine Nivellierung der Unterschiede zwischen E- und U-Musik, wird eine besonders perfide Verschw?rung der herrschenden Klasse zusammengezimmert, die Distinktionsgewinn nun noch nicht einmal mehr mit ?sthetischen Idealen rechtfertigen mu?. Geschickt, geschickt. Nur fraglich, womit dann die Abgrenzung gerechtfertigt wird.

Ich w?rde einfach mal frech die Behauptung aufstellen, dass hier Ursache und Wirkung vertauscht werden: Pop ist der symbolische Ausdruck von Ungleichheiten der Gesellschaft, die aber in den Produktionsverh?ltnissen resultieren. Auch wenn ich den ganzen Tag Deutschlandfunk h?re und mir einen Ma?anzug kaufe ? eine Position in den ?konomischen oder politischen Eliten bekomme ich deswegen noch lange nicht. Wessen H?rgewohnheit soll denn Deutschlandfunk heute repr?sentieren? Wo sind dann bei Degenhardt Stefan Raab und Dieter Bohlen zu verorten? Wieviel kleib?rgerlich ist Grime oder Drum?n Bass? Die Frage nach dem oben und unten einer Gesellschaft zu stellen ist ja prinzipiell in Ordnung, nur so vereinfacht kann eine Analyse dann doch nicht aussehen.

V?llig gaga wird es dann im letzten Absatz. Dort drischt der Autor auf einen unbenannten Feind, der wohl die "poplinke Journalisten" darstellen soll (oder was er daf?r h?lt), denen er im Endeffekt kleinb?rgerliche Verhaltensweisen und Verrat an der Klasse vorwirft. Begr?ndung: diese seien nur Ex-Linke WohlstandsmetropolenbewohnerInnen und w?rden die
Akteure sozialer Proteste geringsch?tzig behandeln.

Die Unterwerfung unter diese Standards in bezug auf die Aneignungsweise der pop-kulturellen Erzeugnisse ? bei gleichzeitiger Affirmation der kulturindustriellen Logik, wonach es sich bei Pop grunds?tzlich um Saisonware handelt ? beschreibt heute den vorherrschenden Ansatz in s?mtlichen, linken wie b?rgerlichen, Feuilletons. Es wird das darin enthaltene Herrschaftsmoment, das sich ausdr?ckt in der Anerkennung und best?ndigen Fortschreibung der sozialen Unterschiede, auf denen die Spielregeln des ?sthetischen Feldes beruhen, nachgebetet und zum Ma? aller Dinge erkl?rt.

Der Vorwurf, dass "marxistische Linke" hier mitmachen w?rden, hat dagegen einen bitteren Beigeschmack: hier schwingt die romatisierende Vorstellung mit, "die Linke" k?nnte sich einfach so aus der Gesamtgesellschaft ausklinken, und v?llig fernab der aktuellen gesellschaftlichen Verh?ltnisse Theorie und Praxis betreiben. Diese Vorstellung war in der Vergangenheit immer dann besonders verbreitet, wenn eine soziale Bewegung gerade auf dem Vormarsch war und fiel mit deren Ende scheppernd in sich zusammen. Hier kommt der beleidigte Klampfer durch, dessen Protestsongs heute die linken Massen nicht mehr h?ren wollen, da diese sich in den Vorlieben zu diversen Musikstilen zerstreut haben.
Wenn Degenhardt den Vorwurf ?u?ert, dass im Feuilleton die kulturindustrielle Logik ?bernommen und Pop als Saisonware aufgefasst w?rde, muss ich die Gegenfrage stellen: ja was denn sonst? Popmusik ist Wegwerfmusik und dass die materielle Realit?t durch die Macht des Feuilletons umgekrempelt wird, daran glaube ich nicht. Es g?lte eine ?nderung der Produktionsbedingungen einzufordern, und nicht eine Bewu?tseins?nderung.

Popkultur heute stellt ihrem Wesen nach eine kulturelle Praxis der gesellschaftlichen Anpassung und Gleichschaltung dar. Da? auch die sich als marxistisch verstehende Linke in ihren Publikationen dabei flei?ig mittut, mag Zeichen einer anhaltenden, praktischen wie theoretischen Verwirrung sein. Gleichzeitig kommt darin aber auch noch eine grunds?tzliche Fehleinsch?tzung zum Ausdruck. N?mlich in bezug auf das soziale Milieu, in dem sie ihre potentiellen politischen B?ndnispartner (bzw. Zeitungsabonnenten) verortet: Die Akteure der sozialen Proteste ? von den Anti-Hartz-IV-Demonstranten ?ber die von Abschiebung bedrohten Migrantinnen und Migranten bis zu den streikenden Infineon-, Siemens- oder Opelarbeitern ? rekrutieren sich ja nicht etwa aus den prekarisierten Szenen der postmodernen (Ex-) Linken in den Gro?st?dten der alten BRD, die f?r popkulturelle Distinktions?bungen so empf?nglich sind. Es ist daher mehr als nur etwas schr?g, wenn die soziale Klasse, die die Bewegung tr?gt, ein paar Seiten weiter hinten vom ambitionierten Popschreiber, der demonstrativ mit seinem kulturellen Kapital herumhubert, regelm??ig als komplett unhippe Loser-Bewegung ausgelacht wird.

Bedeutet: Statt ?ber die neueste Scheibe zu schreiben und damit Unterdr?ckung der Arbeiterklasse besiegeln, sollte die Popjournaille ?ber die letzte Anti-HartzIV-Demo schreiben. Schon Papa Degenhardt sang ja "Zwischent?ne sind nur Krampf- im Klassenkampf." Dieses Einfordern der Kaderdisziplin st??t sauer auf.
Die Erkenntnis, dass die Wege von "Poplinken" (wer auch immer hier gemeint sein mag) und sozialen Bewegungen in Deutschland auseinanderlaufen, ist so neu nicht. Nur dann m??te man fragen, wo er denn hinl?uft, der Popdiskurs heute. Degenhardt bezieht sich damit explizit auf die deutsche Musik, nur in dem Fall m??te man auf die Re-Nationalisierung quer durch alle Musikszenen und ?stile hinweg aufmerksam machen, wie es beispielsweise G?nther Jacob, Martin B?sser oder auch Hannes Loh tun. Das fehlt bei ihm v?llig ? dabei w?re es hier interessant, wie er Nationalismus im Verh?ltnis zu seiner Konzeption von "oben" und "unten" verortet. Vermutlich nur ein fieser Versuch, die unteren Klassen zu spalten.

Eine Kritik am Popdiskurs ist gerechtfertigt, da dieser die Ideologie der Warengesellschaft als Popgesellschaft reproduziert. Nur hat diese nichts mit dieser Art von Klassen-denke zu tun. Es ist v?llig irrwitzig aus der Pr?ferenz von Menschen f?r Produkte, eine Basis f?r "Klassenkampf" ableiten zu wollen. Popkultur zwingt alle Subjekte unter ihre Herrschaft, implementiert ihnen die Warenlogik, die die Subjekte mit ihrem Konsum legitimieren, ob sie nun bei Lidl oder im KDW einkaufen - ob man das will oder nicht.

10.2.06 23:43
 



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