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Kritische Theorie und Hooligans

Die neue Phase2 ist kürzlich erschienen und lässt sich nun auch im Internet lesen: http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=358&print=
Schwerpunkt ist die Fußball-Weltmeisterschaft und angrenzende Themen. Einen Artikel hatte ich intensiver durchgelesen und bin auf einige mir unverständliche Stellen gestoßen. Im folgenden bitte daran denken: das hier sind Skizzen und keine ausgeklügelten Theorien.

In dem Artikel „Es ist gut so wie es ist. So macht es uns Spaß“ erklärt die Autorin Alice Brausewetter das Phänomen „Hooligans“ mit Kritischer Theorie.
Sie zeigt auf, dass Hooligans gar nicht so anti-bürgerlich sind wie üblicherweise angenommen, sondern ziemlich präzise die Werte und Verkehrsformen der bürgerlichen Gesellschaft reproduzieren in einem „nonkonformen Konformismus“ (Walter Benjamin). Dabei wird dummerweise ein elementares Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft, das Gewaltmonopol des Staates tangiert, worauf dieser repressiv antworten muss, um die „allgemeinen Geschäftsgrundlagen“ zu sichern.
Die Hooligan-Gruppe funktioniert dabei als Männerbund, die Loyalität der Gruppe wird durch Selbstverleugnung des Subjekts erkauft. So weit gehe ich mit, allerdings gab es 3 Punkte, an denen ich Bedenken hatte:

1. Mythos „Ehrenkodex“. Zwar wird von der Autorin im Text darauf hingewiesen, dass „die Integrität von Leib und Leben“ eher „Ideal als Realität der bürgerlichen Gesellschaft“ war, sitzt aber mit dem sog. „Ehrenkodex“ (als informelles Set an Normen) unter Hooligans u.U. einer ähnlichen Illusion auf. Möglicherweise müssen sich die Subjekte selbst in die eigene Tasche lügen, dass sie keine verrohten Primitivlinge sind, sondern echte Werte vertreten. Da ich mein rudimentäres Wissen über Hooligans und Casuals aus allgemeinen Sekundärquellen habe, kann ich zu empirischen Befunden nichts näher sagen. Allerdings scheint dies der Autorin ähnlich zu gehen, die an 2 Stellen auf Filme als Anschauungsobjekte verweist, und prinzipiell würde ich kulturindustrielle, idealisierte Produkte nicht mit der Wirklichkeit verwechseln wollen.

Um ihre These der bürgerlichen Verkehrsformen und Hooligans zu stützen, definiert die Autorin den Kampf zwischen Hooligans als „Vertrag zur wechselseitigen Verletzung“ analog zum „Vertrag zum wechselseitigen Gebrauch der Geschlechtsorgane“ den die Ehe nach Kant darstellt. Fraglich nur, warum der Kampf unter Hooligans als Vertragsverhältnis beschrieben wird, wo doch ein zentrales Element des bürgerlichen Vertragsverhältnisses fehlt: eine übergeordnetet Autorität, die über dessen Einhaltung wacht. Dies könnte in dem Fall vielleicht eine interne „Szenemoral“ darstellen, ob diese aber Sanktionsinstrumente im Fall von Regelübertretungen besitzt, darf bezweifelt werden.

Ich möchte nicht abstreiten, dass Hooligans vermutlich nicht die Bürgerschrecke sind, für die sie gehalten werden und das Bild „unter der Woche werktätiger Familienvater – am Wochenende Hooligan“ abwegig sei. Nur gibt es eben genügend Ausschreitungen, wo sich nicht an einen „Ehrenkodex“ gehalten wird (z.B. Rakete auf Schiedsrichter abfeuern, Unbeteiligte verhauen, Polizisten in den Rollstuhl prügeln etc.) und Hooligans eben nicht die bürgerliche Gesellschaft 1:1 im Kleinen nachspielen. Hier müßte man nachbohren, wie Gewalt unter gesetzlosen Verhältnissen im Kapitalismus funktioniert – wo eben nicht die Staatsgewalt im Notfall als Schlichter hinzugerufen werden kann und sich die Verhältnisse außerhalb einer bürgerlichen (Rechts-)Ordnung befinden (ähnlich müßte dies auch bei Drogendeals sein, wo immer die Gefahr besteht, dass die eine Seite die andere „abzieht“, d.h. sich nicht an die informellen Regeln hält). Trotzdem – da hat die Autorin schon recht, kann davon ausgegangen werden, dass die bürgerlichen Verhältnisse auch diesen Bereich mitkonstituieren und maßgeblich bestimmen.

2. Um Gewalt zu erklären werden (zurecht) Ansätze, die die Gewalt „in der Natur des Menschen“ suchen, verworfen. Stattdessen erklärt die Autorin kurz: die kapitalistische Produktionsweise verhindert Bedürfnisbefriedigung, dies wird als Unlust erlebt, statt Revolution, die dies verändern könnte, wird auf allgemeine Aggression als Strategie zurückgegriffen und Gewaltexzesse am Wochenende sind dazu das Ventil.

Dieser Ansatz ist stark vereinfachend und für mich wenig überzeugend. Die Aussage, dass letztenendes „der Kapitalimus schuld an allem sei“ ist entweder trivial oder nahe an einer Verschwörungstheorie. Natürlich ist es die herrschende Vergesellschaftung, die all das Elend erzeugt, aber letztenendes erklärt man so nicht, warum sich Teilgruppen der Gesellschaft genau so und nicht anderes verhalten. Die meisten BewohnerInnen Deutschlands sind, zumindest nicht in diesem Sinne, keine Hooligans. Entweder wird Gewalt anders ausgelebt (als andere Formen der (Auto-)aggression beispielsweise: sich kaputttrinken, überarbeiten, Sport treiben etc.), unterdrückt oder ähnliches.
Individuelle Dispositionen der Individuen (wie beispielsweise eine autoritäre Persönlichkeit) kommen in diesem Erklärungsmodell nicht vor, was verwundert für einen Ansatz, im Rahmen der kritischen Theorie. Stattdessen erklärt man alle zu Opfern des Kapitalismus, dieses Modell könnte genauso auf den Nazischläger angewendet werden, der ja auch individuell nicht belangt werden kann, da ja die Produktionsweise letztenendes Ursache des Übels ist.

3. Zuguterletzt verstehe ich die Verbindungen zu den 68ern nicht. „Autoaggression zeigt vor allem Resignation vor Verhältnissen, die mangels revolutionärer Massen versteinert scheinen.“ Der Vergleich mit Hans-Jürgen Krahl wirkt arg konstruiert- wo sollen hier die Gemeinsamkeiten liegen, die diesen Vergleich rechtfertigen? Heraus kommt handelsüblicher Geschichtspessimismus: damals wußten Menschen wenigstens noch von der Möglichkeit einer Umwälzung der Verhältnisse, heute nicht mehr.
23.3.06 20:20
 



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